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Rallyereiten (1)
Reiterrallyes: Nur Teamgeist und Geschick führen zum Sieg!
Hinrich Neumann
Journalist, Autor und Verfasser dieses Artikels
Dipl. Ing. agr. Hinrich Neumann
Hinrich.neumannn@t-online.de
www.hinrich-neumann.de
Immer häufiger messen
sich Freizeitreiter auf Reiterrallyes. Was zeichnet
diese Veranstaltungen aus? Und was kommt dabei auf Pferd
und Reiter zu?
Obwohl es auf Zeit geht, gehen die beiden Pferde ganz
langsam nebeneinander her. Denn ihre Reiter tragen
zwischen sich eine flache Kiste. Und in der Kiste sind
Luftballons. Und jeder Ballon, der herausweht, kostet
Strafpunkte. Die Pferde müssen daher möglichst im
Gleichschritt laufen und dürfen nicht auseinander
driften. Die Reiter müssen einhändig reiten, eine ruhige
Hand beweisen und jede Erschütterung vermeiden. Eine
Szene aus dem Zirkus? Nein, eine ganz normale Aufgabe,
die einem auf jeder Reiterrallye begegnen kann.
Daraus wird deutlich: Reiterrallyes haben nichts
gemeinsam mit den rasanten Auto- oder Motorrallyes, bei
denen es im Affenzahn durchs Gelände geht. Mit dem Pferd
als Rallyepartner geht es eher ruhig und konzentriert
zur Sache. Hier sind Teamgeist und Geschick gefragt.
Teamarbeit gefragt
Der Ablauf ist fast überall gleich: Gestartet wird in
Reiterteams zu zweit, zu viert oder in wenigen Fällen
auch in größeren Gruppen. Generell kann man sagen: Je
kleiner das Team, desto mehr wird von jedem Einzelnen
verlangt. Die Teams gehen im Abstand von etwa 10 Minuten
auf die Reise. Die Strecken sind zwischen 10 und 20
Kilometer lang. Auf dieser Strecke gilt es, verschiedene
Aufgaben gemeinsam mit und ohne Pferd zu absolvieren.
Die erreichten Punkte werden am Ende aufsummiert und der
Sieger ermittelt.
Die Beliebtheit dieser Veranstaltungen nimmt immer mehr
zu. Die Rallyes werden von Reitvereinen, meistens jedoch
von privaten Reitstallbesitzern oder auch Privatpersonen
veranstaltet. Angefangen vom kleinen Kreis von 20
Reitern erreichen große, überregionale Rallyes auch
schon 250 Teilnehmer. Gerade am Rand von Ballungszentren
wie z.B. Hamburg vergeht kaum ein Wochenende ohne Rallye
– und das von April bis November.
Was veranlasst eingefleischte Freizeitreiter ohne
Wettkampfambitionen, aber auch Turniercracks, sich
dieser besonderen Herausforderung zu stellen? Die Gründe
sind vielfältig:
- Der Spaß steht im
Vordergrund, jedoch nicht ohne einen gesunden,
sportlichen Ehrgeiz.
- Im Gegensatz zu Turnieren „kämpft“ man im Team, Stärken und Schwächen
der Einzelnen können sich ergänzen.
- Man trifft eine bunte
Palette von Reitern aller Coleur und Größe, von englisch
bis western und vom Isi bis zum Kaltblut. Reiter aller
Stilrichtungen finden dort etwas für sich, der Phantasie
sind keine Grenzen gesetzt.
- Es gibt kein einheitliches Regelbuch, keine Dachorganisation und
dementsprechend eine große Bandbreite an Aufgaben.
Gerade diese vielfältigen Aufgaben machen Rallyes so
interessant. Denn sie stellen Pferd und Reiter jedes Mal
vor neue Herausforderungen.
Vielfältige Aufgaben
Was für Übungen begegnen einem auf der Rallye?
Es lassen sich dabei Aufgaben mit oder ohne Pferd, im
Stand oder in Bewegung, Einzel- oder Teamaufgaben,
sowie Geschicklichkeits- oder Wissensaufgaben
unterscheiden. Denkbar sind auch Kombination aus diesen
Varianten. Um Verletzungen durch Übereifer zu vermeiden,
müssen die meisten Aufgaben nicht auf Zeit absolviert
werden. Allerdings gibt es auf vielen Rallyes zeitliche
Obergrenzen, um einen reibungslosen Ablauf zu gewähren.
Ohne Pferd müssen die Teilnehmer nicht selten Aufgaben
bewältigen, die sich irgendwie aus der Pferdehaltung
ableiten wie Strohballen stapeln, Schubkarren schieben,
Hindernisse bauen. Aber auch Verkleiden auf Zeit,
Balancieren auf Balken, mit dem Mund einen Apfel aus
einem vollen Wassereimer fischen oder sich zu zweit auf
drei leeren Getränkekisten vorwärts bewegen, in dem
immer die letzte Kiste wieder nach vorn gegeben wird,
sind mögliche Beispiele. Gefragt sind dabei neben einer
gewissen Sportlichkeit auch das schnelle Einstellen auf
neue Situationen und – ganz wichtig – jede Menge Humor.
Mit dem Pferd gibt es Aufgaben im Stand oder in der
Bewegung. Zu den stehend zu absolvierenden Prüfungen
zählen meistens Zielwerfen aller Art, mit Tennisbällen,
Dartpfeilen oder Hufeisen. Hier ist dann nicht nur die
ruhige Hand und Treffsicherheit des Reiters, sondern
auch die Standfestigkeit des Pferdes gefragt. Auch als
Teamprüfung sind Wurf- und Fangübungen im Stand sehr
beliebt.
Spannender wird es dagegen bei den Aufgaben aus der
Bewegung. Im Bereich Geschicklichkeit kann hier auch
Zielwerfen in allen Gangarten verlangt werden. Ein Teil
der Aufgaben ist dabei den Mounted Games abgeschaut,
z.B. im Galopp einen Ring von einer Stange abnehmen und
an andere wieder anhängen. Ein anderer Aufgabentyp ist
das Durchreiten von Hindernissen, die oft mit
Trailhindernissen auf Westernturnieren zu vergleichen
sind. Brücken, Wippen, kleine Wassertümpel, fließende
Gewässer, Hügel, Planen und Stangen sind eine Auswahl
von Bodenhindernissen. An stehenden Hindernissen können
einem Engpässe, Flatterbänder oder sogar senkrecht
aufgehängte Decken begegnen, die es ohne anzufassen
durchzureiten gilt. Auch Regenponcho anziehen oder
Schirm aufspannen gehören zu gängigen Aufgaben. Hier
wird das Vertrauen des Pferdes zum Reiter abverlangt.
Zusätzlich können auch reiterlich anspruchsvolle
Aufgaben wie Slalomreiten in beliebiger Gangart, auch
rückwärts, verlangt werden. Bei beliebiger Gangart gilt
dann: Je schneller, desto mehr Punkte.
Partner im Blick haben
Die größte Herausforderung sind Aufgaben im Team, die in
der Bewegung zu bewältigen sind. Denn hier heißt es
nicht nur, das eigene Pferd sicher durch die Aufgabe zu
leiten, sondern mit einem Auge immer den Partner im Auge
haben. Wie in dem eingangs beschriebenen Beispiel mit
der Kiste zwischen den Partnern begegnen einem nicht
selten Prüfungen, bei denen die Reiter jeweils einen
Gegenstand festhalten müssen. Dazu zählen Seile, Kisten,
Decken oder Planen. Dem Pferd wird dabei
Schenkelgehorsam und Gelassenheit abverlangt, der Reiter
sollte einhändig reiten können und sowohl Ziel als auch
Partner im Blick haben. Teilweise müssen auch
Gegenstände wie Strohballen oder Autoreifen hinter dem
Pferd hergezogen werden.
Gemeinsame Hindernisse zu durchreiten kann ebenso
verlangt werden wie Gegenstände von A nach B zu
transportieren. Möglich sind dabei Kombinationen mit Ab-
und wieder Aufsteigen, so z.B. bei der Übung, dass ein
Reiter Wäsche einsammeln muss, während sie der Partner
vom Pferd aus aufhängt. Um es spannender zu machen,
treten dabei entweder zwei Teams gegeneinander an oder
es wird auf Zeit geritten. Teamarbeit wird auch bei
Spielen verlangt, bei denen einer der Partner etwas
erraten muss. Der andere bekommt einen Begriff und muss
diesen dann entweder per Pantomime (vom Pferd aus oder
vom Boden) vormachen. Oder die anspruchsvollere
Variante: Mit dem Pferd ein dreibuchstabiges Wort wie
„Hai“ oder „See“ vorreiten, als würde man mit einem
Stift auf ein Blatt Papier schreiben. Der Partner soll
dann die Buchstaben bzw. das Wort erkennen können. Eine
andere Möglichkeit ist das „Blindreiten“, bei dem ein
Partner die Augen verbunden hat und von dem anderen nur
mit der Stimme gelenkt wird.
Eine besondere Rallye-Spezies sind so genannte
Mottorallyes. Wenn es zum Beispiel heißt:
„Chinesenrallye“, „Luky-Luke“ oder „Asterix und Obelix“,
dann begegnen einem zahlreiche Übungen und Wissensfragen
zu diesen Themen. Und wer es mag: Meistens gibt es
Sonderpunkte für entsprechende Verkleidung. Ebenfalls
einstellen sollte man sich auf Fragen zur
Verkehrssicherheit, Erste Hilfe an Pferd und Reitern
sowie auf Kontrollen der Ausrüstung. Oft bringen gerade
Hufkratzer oder Verbandszeug wichtige Sonderpunkte!
Welche Tipps gibt es jetzt grundsätzlich beim Reiten der Rallyes?
Wichtig ist es, sich die Aufgabestellung an den
einzelnen Posten genau anzuhören. Oft sind die
Streckenposten Helfer, die nur das wiedergeben, was die
Organisatoren ihren mit auf den Weg gegeben haben. Also
lieber einmal mehr nachfragen, um sich hinterher nicht
ärgern zu müssen!
Vor jeder Aufgabe sollte man sich kurz mit dem Partner
besprechen, wer die Aufgabe bewältigt. Dabei ist neben
Können von Pferd und Reiter auch zu bedenken, dass ein
Pferd evtl. an dem anderen „kleben“ könnte und sich
aufregt, wenn der Partner bei der Aufgabe weg reitet.
Selbstverständlich sollte sein, dass man auf den Partner
Rücksicht nimmt und auch Fehler verzeiht. So mancher
Streckenposten vergibt dabei „Manierpunkte“, bei denen
Teamgeist und Spaß bewertet werden. Wer sich, seinem
Partner oder seinem Pferd das Rallyereiten nicht
vermiesen will, sollte ehrlich sein und eine Aufgabe
auslassen, wenn Pferd und Reiter damit überfordert
wären. Sicherheit geht vor! Szenen, bei denen während
der Aufgabe versucht wird, sein Pferd zu erziehen, sind
nicht nur für alle Anwesenden unschön, sondern auch den
anderen, wartenden Teilnehmern gegenüber unfair. Besser
ist es, abzubrechen, die Aufgabe als Anregung mit nach
Hause nehmen und üben. Beim nächsten Mal klappt es
bestimmt besser!
Vielen lieben Dank
Hinrich, dass Du mir diesen Artikel zur Verfügung
gestellt hast !
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